Het vrouwlijke infarct

27-02/2018

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Der weibliche Infarkt

 

Frauen über 65 kommen bei einem Infarkt erst sehr spät in die Klinik. Experten vermuten, dass es an psychologischen Faktoren liegt.

 

Hannelore R. bemerkt es, als sie vor der Haustür steht – Schlüssel vergessen. Sie ist gerade von der Gymnastikstunde gekommen. Jetzt muss die 80-Jährige zurück, zu Fuß. Sie ärgert sich. Und sie beeilt sich.

Als sie wieder zu Hause ist, beginnt der merkwürdige Schmerz in Brust und Rücken, die Kurzatmigkeit. Hannelore R. will abwarten. Vielleicht geht der Schmerz auch wieder weg. Tut er aber nicht. Am nächsten Morgen lässt sie sich von ihrem Ehemann ins Krankenhaus bringen. Dort diagnostizieren die Ärzte einen Hinterwandinfarkt des Herzens.

Mehr als zwölf Stunden hat es gedauert, bis Hannelore R. nach dem Infarkt in die Klinik kam. „Die Behandlung eines Infarktes ist eine sehr zeitkritische Therapie. Je schneller die Patienten behandelt werden, desto geringer ist das Risiko, zu sterben oder eine massive Schädigung des Herzmuskels durch eine Unterversorgung mit Sauerstoff zu erleiden“, sagt Karl-Heinz Ladwig, Professor für psychosomatische Medizin an der Technischen Universität München und Wissenschaftler des Helmholtz-Zentrums. Bei einer Zeitspanne von 60 Minuten zwischen Infarkt und Behandlung sprechen Mediziner von der „goldenen Stunde“ – von jenem Zeitraum also, in dem der Patient optimal versorgt werden sollte.

 

Erst nach mehr als viereinhalb Stunden in der Notaufnahme

Dass vor allem Frauen über 65 nach einem Infarkt länger brauchen, bis sie in die Notaufnahme kommen, haben Ladwig und Kollegen bei der Auswertung einer Studie festgestellt, an der 619 Infarktpatienten teilgenommen haben. Über einen Zeitraum von mehr als vier Jahren hatten die Forscher die Menschen gezielt befragt und Daten aus den Krankenakten ausgewertet.

„Der Unterschied zwischen älteren Frauen und allen anderen von uns untersuchten Gruppen, nämlich jüngeren Frauen sowie Männern über und unter 65, ist eklatant“, sagt Ladwig. Bei älteren Frauen seien im Schnitt mehr als viereinhalb Stunden vergangen, bis sie in der Notaufnahme waren. Bei jungen Frauen seien es zweieinhalb gewesen, bei Männern drei beziehungsweise dreieinhalb. „Es ist offenbar die Kombination aus Alter und Geschlecht, die zu langen Entscheidungszeiten zwischen dem Auftreten von Infarktsymptomen und der Versorgung führen“, sagt Ladwig.

Übelkeit und Erbrechen sind atypische Beschwerden

Bei der Suche nach den Ursachen gingen die Wissenschaftler zunächst der Annahme nach, dass bei Frauen das typische Infarktsymptom Brustschmerz fehlte. Dafür fanden sie aber keine Bestätigung. „Nur 20 Prozent der älteren Frauen hatten keinen ausgeprägten Brustschmerz“, sagt Ladwig. „Und auch bei älteren Männern konnten wir das Fehlen dieser Symptomatik annähernd so oft beobachten wie bei älteren Frauen.“

Gleiches galt den Angaben zufolge auch für Übelkeit und Erbrechen – weitere atypische Beschwerden, die bisher vor allem Frauen zugeordnet wurden. Auch hier seien die Unterschiede nicht derart auffällig gewesen, dass man damit die verspätete Behandlung älterer Frauen hätte erklären können.

„Wir vermuten, dass eher psychologische Faktoren eine Rolle bei langen Entscheidungsprozessen spielen, nicht streng kardiologische“, sagt Ladwig. Er und seine Kollegen halten es für möglich, „dass Frauen eine völlig unangebrachte Altersbescheidenheit an den Tag legen.“ Womöglich hätten die Patientinnen trotz ihrer Symptome darüber nachgedacht, dass man ihretwegen nicht gleich das Rettungssystem aktivieren müsse. Das Helmholtz-Zentrum plant eine Anschlussstudie, um die Ursachen weiter zu erforschen.

Experten raten, dem Körpergefühl zu vertrauen

„Die Annahme, dass es älteren Frauen nicht egal ist, was etwa die Nachbarn denken, wenn sie einen Notarzt rufen, ist berechtig. Das deckt sich mit unserer medizinischen Erfahrung“, sagt Privatdozent Dr. Gerian Grönefeld, Chefarzt der Kardiologie der Asklepios Klinik in Hamburg-Barmbek. Grönefeld war an der Studie nicht beteiligt. Die Ergebnisse nennt er „wichtig“, obwohl sie sich nur auf wenige und nicht sehr aktuelle Fälle stützten. „Die Studie lenkt meines Erachtens den Fokus auf ein grundsätzliches Problem. Die Verzögerungen bei der Behandlung eines Herzinfarkts entstehen nicht in der Klinik, sie entstehen vorher. Wir müssen herausfinden, woran das liegt“, sagt Grönefeld.

Nicht zögern und lieber zweimal zu oft den Notarzt rufen als einmal zu wenig – in dieser Empfehlung sind sich die Experten einig. „Es ist unerklärlich, aber viele Infarktpatienten spüren offenbar, dass ihnen gerade etwas Schlimmes passiert ist“, erklärt Ladwig. Wichtig sei, diesem Gefühl zu vertrauen. „Es gibt keinen Grund, Infarktsymptome wie Brustschmerzen, Schweißausbrüche oder Übelkeit zwei Stunden lang auszuhalten. Und das gilt nicht nur für ältere Menschen, sondern für alle“, sagt Grönefeld.

Die Wissenschaftler aus München leiten aus ihrer Studie eine Forderung nach einer Aufklärungskampagne für ältere Frauen ab. Hausärzte sollten Patienten über 65 mit entsprechenden Risikofaktoren verdeutlichen, wie wichtig es ist, im Ernstfall richtig zu reagieren und den Notruf zu wählen. Dazu zählten auch einfache Tipps – etwa den Zettel mit der Nummer neben das Telefon zu hängen. Und zwar so groß geschrieben, dass man ihn auch ohne Brille lesen kann. (Kai Wiedermann)

                                                                                                                                                                                                                                                 (Quelle: NRZ, 20.02.2018)